

Sie zerschneiden schöne Stoffe, um daraus noch schönere Bilder zu nähen. Ein Besuch bei den
Halden-Quiltern in St.Gallen.
von Helga Schabel
Die Halden-Quilter, das sind neun Frauen, die einem gemeinsamen Hobby frönen, dem Nähen bunter Bilder, Decken, Wandbehänge. Die Hauptarbeit wird daheim gemacht, doch einmal im Monat treffen sich die Quilterinnen zum «Quilting Bee» im Foyer der Halden-Kirche im Osten der Stadt. Bienenfleissig wird da gearbeitet am grossen Tisch. Eine Frau näht winzige Rhomben zusammen, die sie auf einem schweren Nähstein fixiert hat. Sie näht absichtlich von Hand und nicht mit der Maschine, weil der feine Stoff auch eine feine, das heisst nur einfädige Naht verlangt, wie sie erklärt. Ihre Nachbarin hat die einzelnen kleinen Stoffteile auf Schablonenpapier geheftet und näht sie nun mit so genauen Stichen zusammen, dass das Papier nicht von der Nadel erfasst wird. Nach dem Bügeln wird es entfernt und für spätere Arbeiten wieder verwendet. «Das ist die englische Papiermethode», sagt sie.
Lilly Ammann hat ihre Arbeit locker in einen Rahmen gespannt, sie ist nun bereits beim eigentlichen Quilten: mit Spezialnadel und -faden näht sie durch die drei Lagen von Oberstoff, Vlies und Unterstoff die Vorstiche, die akurat gleich gross und millimetergenau neben der Maschinennaht verlaufen. «Erst durch das Quilten erhält das Bild Leben, Tiefe und Plastizität», sagt sie und hält die Arbeit zum Betrachten in einiger Entfernung, denn nur so wird der dreidimensionale Eindruck des Musters sichtbar.
Vor Jahren hat es der St.Galler Hausfrau gleich beim ersten Quiltkurs «den Ärmel hineingenommen», in etlichen Kursen hat sie ihr Können stetig verbessert. Vor vier Jahren hat sie die Halden-Quilter gegründet, eine lose Gruppe von Quiltfreundinnen, die den monatlichen Erfahrungs- und Gedankenaustausch beim gemeinsamen Nähen und anschliessenden Kaffeetrinken schätzen. Da werden beispielsweise auch Geschäftsadressen ausgetauscht, denn in der Ostschweiz ist es gar nicht so einfach, die typischen Stoffe und das Zubehör fürs Quilten zu kaufen. Und so decken sich die Frauen mit dem Material gerne auf den Quiltreisen ein, die ein Zürcher Reisebüro in die USA, nach Canada, Schottland und Südafrika anbietet.
Lilly Ammann war bereits wiederholt in Pennsylvenia und ist begeistert von Kultur und Gastfreundschaft der Amischen. Deren Vorfahren waren einst aus Glaubensgründen aus dem Emmental nach USA ausgewandert und leben heute dort noch streng bibeltreu und ohne die Errungenschaften der Moderne. Aus Sparsamkeit haben sie einst die guten Teile der abgelegten Kleidung zu Decken verarbeitet, und daraus entstanden mit den Jahren die Kunstwerke mit den traditionellen Mustern, wie sie auch die St.Galler Quilterinnen herstellen.
Einer der Amisch-Stammväter war übrigens ein Jacob Ammann aus Madiswil. Ob er einer der Vorfahren ihres Mannes ist, hat Lilly Ammann nicht erforscht, die Leidenschaft zum Quilten steckt jedenfalls in ihr. «Es kann zur Sucht werden», sagt sie lachend. Da ist es gut, wenn man eine verständnisvolle Familie hat. Ihr Ehemann begleitet sie nicht nur auf den Quiltreisen, er hilft auch tatkräftig bei den Ausstellungen mit, wie sie die Gruppe nun bereits zum zweiten Mal veranstaltet (siehe Kasten). Das Faszinierende am zeitaufwendigen Hobby? «Man muss sich sehr konzentrieren, und das hilft beim Abschalten vom Alltag und wirkt beruhigend auf mich», sagt Lilly Ammann. n
Vom 2. bis 6. Mai zeigen die
Halden-Quilter im Waaghaus in St.Gallen circa 70 Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag 10–18 Uhr
Donnerstag 10–20 Uhr
Sonntag 10–17 Uhr
Weitere Infos: Tel. 071 288 31 27
Vom 4. Mai bis 29. Juli läuft im
Textilmuseum St.Gallen die dritte Europäische Quilt-Triennale.
Weitere Infos:
Nähmaschinen-Center Priska Haag
Brühlgasse 39, St.Gallen
Tel. 071 222 27 26
Hexehuesli, Flawil, Wilerstrasse 23, Tel. 071 393 56 70
Migros Klubschule Lichtensteig
Tel. 071 987 60 00
Pfaff Nähcenter Bazenheid
Tel. 071 931 13 03
Das kunstvolle Zusammennähen von Stoffresten zu einem Ganzen.
Das Absteppen der dreilagigen Decke mit regelmässigen, handgenähten Vorstichen direkt auf oder neben der Patchwork-Naht.